Wenn du leise bist

Introvertiert und zurückhaltend so wurde ich eine ziemlich lange Zeit beschrieben. Mit dieser Beschreibung kam zugleich auch der Tadel, denn diese Eigenschaften wurden ausschließlich als negativ ausgelegt. Das hat mir damals schwer zu schaffen gemacht, mein Leben wurde mir durch diese, wie ich sehe, positiven Eigenschaften, einfach nur schwer gemacht. Meine ganze Schulzeit über habe ich mich gefragt, was schlecht daran ist sensibel und rücksichtsvoll zu sein? Anstatt mich in den Vordergrund zu drängen höre ich meinen Mitmenschen halt lieber zu. Am meisten enttäuscht haben mich die Lehrer, die sogenannten Pädagogen. Pädagogik hat für mich keinerlei Wert, wenn von mir verlangt wird mein liebes Wesen zu ändern, obwohl auf mich in keinster Weise Rücksicht genommen wird.

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Ich möchte stolz auf meine introvertierten Eigenschaften sein

Im Berufsleben ging es natürlich so weiter, meine zurückhaltende Art kam überhaupt nicht gut an und wurde auch gleich in meiner ersten Beurteilung niedergeschrieben. Wenn jemand zurückhaltend ist wird es negativ ausgelegt, es wird behauptet, die Person bringt sich nicht genug ein, ich werde also nicht zurückhaltend und rücksichtsvoll, sondern als faul und desinteressiert eingestuft. Dabei sind meiner Meinung nach, genau die, die darüber urteilen, faul und desinteressiert, weil sie nur eine Verhaltensart erwarten und auch nur eine Verhaltensart erkennen können, nämlich die Laute.

Diese Beurteilung hat bei mir etwas ausgelöst, diese Beurteilung und alle Zeugnisse davor, haben etwas in mir kaputt gemacht. Mir ist klar geworden, dass eine Person, die zurückhaltend, rücksichtsvoll, zuverlässig, still und fleißig ist, einfach nicht das ist, was die Menschen wollen. Also fing ich an weniger zu arbeiten und mehr zu reden. Ich hörte auf Rücksicht zu nehmen und entwickelte mich zu einer Durchsetzungsstarken, fauleren und egoistischeren Person und kam damit zum Erfolg. Immer wieder, wenn ich darüber nachdenke kann ich meinen Erfolg nicht wirklich genießen, denn es ist kein Erfolg aus Überzeugung und es ist ein Erfolg, den ich tief in meinem Inneren einfach nicht begreife.

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Doch dein natürliches Wesen wird immer bleiben

Heute, jetzt wo ich beruflich dort bin, wo ich sein will lebe ich mein natürliches, zurückhaltendes Wesen wieder aus. Wenn ich zur Arbeit gehe bin ich eine Person, die gerne arbeitet, ich nehme nicht an den Kaffee und Kuchenrunden während der Arbeitszeit teil und ich meide Besprechungen so gut es geht. Ich rede nun mal nicht gerne über die Arbeit, sondern mache einfach. Denn von Natur aus bin ich einfach die ruhige Macherin und ich weiß immer noch nicht, was daran schlecht sein soll.

Wenn ich leise bin…

Nun bin ich also wieder leise und ich fühle mich so wohl damit. Dennoch weiß ich, dass solange ich leise bin, ich beruflich auch nicht mehr weiterkommen werde. Ich kann Leistungen so gut und so viel es geht erbringen, dennoch wird mich das nicht weiterbringen, solange in meinem Umfeld jemand ist, der laut ist, einfach wenn er da ist und noch lauter, wenn er arbeitet, denn wenn du nur leise vor dich hinarbeitest wird dich niemand hören, es wird dich und deine Leistung einfach niemand wahrnehmen, damit muss ich mich abfinden.

Es gibt die, die es können und es gibt die, die sagen, dass sie es können!

So viele verborgene Talente, die wirklich gute Arbeit leisten entgehen uns. Denn was macht jemanden besonders gut? Hohe Konzentration, fokussiert sein und Fleiß! Doch dadurch, dass ich mich auf das „Laut sein“ konzentrieren soll, fällt meine Leistung. Statt mich auf meine Arbeit zu fokussieren und gute Ideen zu entwickeln, soll ich öfter mal alles stehen und liegen lassen und an Kaffeerunden teilnehmen, Kontakte knüpfen, laut sein, mich aufplustern und von mir erzählen, was für eine wahnsinnig tolle Person ich bin. Ich fühle mich in dem Moment aber nicht toll, denn ich bin nicht fokussiert, bin nicht bei der Sache.

Ich möchte nicht sagen, dass ich etwas kann, ich möchte zeigen, dass ich etwas kann.

Übrigens habe ich hier einen super interessanten Link für dich. Die Autorin Susan Cain spricht mir wirklich aus der Seele, nicht nur, dass dieser Link bereits 16 Millionen mal angeschaut wurde, ihr Buch „Stille“: Die Macht der Introvertierten in einer Welt die nicht aufhört zu reden“ ist ein Bestseller, den ich auf jeden Fall noch lesen werde.

Susan Cain: Die Macht der introvertierten

Du kannst dir diesen Blogbeitrag auch als Podcast anhören:

8 Gedanken zu “Wenn du leise bist

  1. Ich stimme dir voll und ganz zu. Leider gewinnen immer die, die bockig wie Kinder alles mit Gewalt durchdrücken. Die triffst du meist in der Chefetage. Was aber noch lange nicht heißt, dass sie auch gut sind! Ich habe gerade so einen obersten Chef und der ist unmöglich! Mal sehen wie lange er bleibt hoffentlich geht er bald wieder. Ich zähle auch zu den Introvertiert aber ich kann auch laut werden. Vorallem wenn mir jemand an den Karren fährt. Auch wenn ich das ungern mache. Man muss manchmal aber auch ein wenig raus aus der kompfortzone… Die Balance ist wichtig, denn trotz allem geht es nie ohne Kommunikation. LG supertinsche

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  2. Ein wichtiges Thema das du aufgreifst und das ich in unserer Gesellschaft oftmals auch nicht verstehe. Ich bin zwar von grundauf ein anderer Type aber ich kenne viele die so sind wie du. Und wie du es schon anspricht, wie dann Lehrer usw. reagieren…. das finde ich wirklich unmöglich. Man sollte jeden fördern so wie er ist und vor allem respektieren. Wenn die schulischen und beruflichen Leistungen erbracht werden ist das alles was nötig ist. Ansonsten denke ich mir immer Leben und leben lassen.
    Viele Grüße
    Eileen von http://www.eileens-good-vibes.de

    Gefällt 1 Person

    • Danke für deinen Kommentar.
      Das Schulsystem ist leider nur für extrovertierte ausgelegt. Susan Cain erzählt das wirklich toll ich könnte es nicht besser, weswegen ich sie verlinkt habe

      Liken

  3. Ich erkenne mich darin ein Stück weit wieder. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht und finde das wirklich traurig. Es zählt nicht die Leistung sondern wie du dich verkaufst. Aus diesem Grund habe ich auch angefangen mich zu ändern. Da mich meine Kollegen so aber nicht kennen, werde ich jetzt als trotzig tituliert und nicht als selbstbewusst und stark.

    LG Kerstin

    Gefällt 2 Personen

    • Danke für deinen Kommentar. Hast du dir mal Susan Cain durchgelesen, den Link? Es ist wirklich total interessant. Wir leben in einer Welt der extrovertierten, dabei sind sie weder besser noch schlechter. Jeder hat tolle Eigenschaften nur traurig, dass dies keiner sehen will

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